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European Chips Act: Gut, aber gut genug?

  • © Europäische Union, 2021

145 Milliarden Euro wurden 2021 versprochen. 43 Milliarden Euro wurden 2022 für ein entsprechendes europäisches Programm vorgeschlagen. Der European Chips Act zeigt die Kluft zwischen europäischem Anspruch und der Wirklichkeit.

Mit dem Ziel, den Weltmarktanteil der hiesigen Halbleiterproduktion von 10 auf 20 Prozent zu steigern, ging man ins Rennen mit China und den USA. Während die Konkurrenz bislang jeweils mehr als das Dreifache an Finanzvolumen mobilisierte, ist in Europa noch immer vieles vage. Insofern stellt sich die berechtigte Frage, wer zukünftig Marktanteile an Europa abgeben soll?

 

 

Anfang Februar 2022 schlug die Europäische Kommission das Europäische Chip-Gesetz, den European Chips Act, vor. Vielsagen hieß es damals: „Es (das Gesetz) wird 43 Mrd. EUR in Form von öffentlichen und privaten Investitionen mobilisieren“. Was die größte europäische Fördersumme aller Zeiten in diesem Bereich darstellt, relativierte sich, blickte man auf die ursprünglichen Pläne der EU-Mitgliedsstaaten zurück.  Anfang 2021 versprach eine Initiative der damals noch 19 EU-Staaten allein auf Länderebene rund 145 Milliarden Euro für die kontinentale Mikroelektronikbranche zu mobilisieren. Im aktuellen Chipgesetz-Entwurf ist nunmehr nur noch von elf Milliarden Euro an EU-Zuschüssen die Rede. Diese sollen größtenteils aus anderen Fördertöpfen umgeleitet werden. Der Rest der Fördersumme – 32 Milliarden Euro – wird von den nunmehr 21 Mitgliedsstaaten und der Industrie erwartet, was nur ein Bruchteil der 2021 angekündigten Summe wäre.

 

 

 

43 Milliarden Euro sollen „bald“ zur Verfügung stehen. 500 Mrd. Euro wären jedoch nötig.

Wie mit diesem, im internationalen Vergleich, überschaubaren Betrag die Verdrei- oder Vervierfachung der europäischen Chip-Produktion und damit der angestrebten Weltmarktanteil von 20 Prozent erreicht werden soll, steht in den Sternen. Schließlich verdoppelt sich bis 2030, laut aktueller Prognosen, nicht nur der weltweite Halbleiterweltmarkt, sondern investieren auch Asien und Nordamerika weiteraus schneller und ambitionierter, als es aktuell Europa tut. „Man müsste rund 500 Milliarden (Euro) investieren“, rechnete NXP-Chef Kurt Sievers bereits beim „Globalfoundries-Technologiegipfel 2022“ in Dresden vor, um die ausgegebenen Ziele Europas zu erreichen. Und Sievert muss es wissen. NXP (Niederlande) ist schließlich drittgrößter Chiphersteller Europas, nach ST Microelectronics (Schweiz) und Infineon (Deutschland).
Zugegeben, aktuell ist noch vieles vage. Der europäische Chips Act ist auch weiterhin nicht beschlossen. Seit Februar warten Halbleiterstandorte, wie z.B. Silicon Saxony, und die hier aktiven Unternehmen vergebens auf Neuigkeiten. Bis auf die von der Europäischen Kommission kommunizierte Summe ist wenig bis nichts bekannt. Auch aus den europäischen Mitgliedsstaaten hört man kaum etwas. Als erstes Land traute sich Spanien aus der Deckung, plant 11 Mrd. Euro zu investieren. Deutschland sagte seinerseits 14 Mrd. Euro durch Neu-Wirtschaftsminister Habeck zu. Andere Nationen, allen voran Frankreich, halten sich mit derartigen Bekenntnissen noch immer zurück. Würden die verbleibenden 19 Mitgliedsstaaten Spanien und Deutschland folgen, stünde es gut um die innereuropäischen Halbleiterbemühungen. Aktuell sieht es jedoch noch mager aus.

 

 

Die USA investieren 200 Mrd. Euro, China über 150 Mrd. und Korea allein 452 Mrd. Euro

Doch nicht nur die laut Expert:innen aktuell viel zu geringe Fördersumme des Chips Act sorgte für Zweifel an der Ernsthaftigkeit der kommunizierten EU-Ziele. Auch die Frage, wem Europa überhaupt Weltmarktanteile abgraben will, wenn die Konkurrenz aus Asien und Amerika doch weitaus schneller und dazu noch mehr investiert, steht nach wie vor wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Denn längst hat die USA ihren eigenen Chips Act auf den Weg gebracht. Mit umgerechnet 52 Mrd. Euro wirkt dieser auf den ersten Blick nicht mächtiger als dessen europäisches Pendant. Doch diese Summe ist kurzfristig für den Neubau von Halbleiterfabriken auf amerikanischem Boden gedacht und steht bereits zur Verfügung. Insgesamt umfasst der amerikanische Gesetzesentwurf eine Investitionssumme von 200 Mrd. Euro bis 2030.  
Auch China verfolgt ehrgeizige Ziele. Bis 2025 möchte die Volksrepublik rund 70 Prozent der Halbleiter für den eigenen Markt aus heimischer Produktion beziehen. Aktuell darf dieses Ziel bezweifelt werden, deckt China momentan doch nur etwas mehr als 30 Prozent des Eigenbedarfs durch die Produktion im eigenen Land. Mit vorsichtig kolportierten 150 Mrd. Euro an innerstaatlichen Investitionen lässt man sich jedoch auch hier nicht lumpen. Insider gehen davon aus, dass weit mehr als diese Summe bereitstehen dürfte. Denn mit dem Anspruch einer Großmacht in allen Bereichen, dürfte Chinas Führung auch die Investitionsbemühungen im nahen Umfeld mitbekommen haben. Hier plant allein die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) – der größte Halbleiterhersteller der Welt, über 100 Mrd. Euro zu investieren. Korea wirft wahnwitzige 452 Mrd. Euro in den Ring. Auch Japan und Indien investieren, wenn auch längst nicht in solch schwindelerregenden Höhen.

 

 

Die Halbleiterproduktion ist komplex und teuer. Die Branche ist bereit zu investieren.

Doch nicht nur das zaghafte Handeln und die aktuell noch überschaubare Fördersumme irritieren. Auch seltsam anmutende Wünsche der EU-Kommission, wie z.B. das Eingreifen in das Produktionsprofil der Chipfabriken in Krisenzeiten, gehen an der Realität vorbei. Schließlich ist die Produktion von Halbleiterchips ein langfristiger Prozess, der sich über Monate ziehen kann und somit kurzfristig nur bedingt oder gar nicht zu beeinflussen ist. Allein zwei bis drei Monate beträgt die durchschnittliche Laufzeit eines Chips in einer typischen Halbleiter-Fabrik. Bis zu 1.200 Arbeitsschritte sind hier nötig. Und selbst dann ist der Chip noch immer nicht fertig. Bis zum fertigen Chip oder Leistungshalbleiter sind weitere ein bis zwei Monate an anderen Standorten nötig. Einzelne Komponenten eines Chips überqueren dabei mehr als 70 internationale Grenzen.

 

Wer hier glaubt, Produktionsvolumen auf Zuruf umlenken zu können, befindet sich auf dem sprichwörtlichen Holzweg. Trotz der finanziellen und inhaltlichen Ungereimtheiten zeigte allein die Ankündigung des Programms Wirkung. U.a. Bosch (1 Mrd. Euro), ST Microelectronics und GlobalFoundries (5,7 Mrd.) sowie Intel (17 Mrd.) haben in den vergangenen Monaten kurzfristige Investitionen in Europa angekündigt. Intel möchte hier langfristig sogar rund 80 Mrd. Euro investieren. Italien, Irland und Deutschland sind die anvisierten Destinationen. 70 Prozent dieser Investition sollen laut Intel „privat“ gestemmt werden. 30 Prozent, so der Wunsch, müsste dann der „öffentliche“ Bereich übernehmen, also der jeweilige Nationalstaat und die EU. Noch sind keine Details bekannt, aber man sei in „produktiven Abstimmungen mit der EU und den EU Mitgliedsstaaten“, wie es nach Aussage des Unternehmens aktuell heißt. Bleibt zu hoffen, dass diese schnell zu einem positiven Ergebnis kommen, denn Unternehmen neigen zum Pragmatismus, bauen da, wo Geld zur Verfügung steht.  

 

Europas Halbleiterstandorte werden ungeduldig. Wann reagiert Europa?

Es ist daher nur zu verständlich, dass die Ungeduld in Deutschland – und hier speziell an den wenigen heimischen Mikroelektronik-Standorten – von Monat zu Monat wächst. Ob in Sachsen, wo u.a. Ministerpräsident Michael Kretschmer als auch Wirtschaftsminister Martin Dulig nicht erst seit gestern auf eine zügige Umsetzung des „Chips Act“ pochen. Oder in Sachsen-Anhalt, wo Ministerpräsident Haseloff nach dem Zuschlag Intels für eine neue Mega-Fab in Magdeburg die frisch erjagten Felle nicht postwendend wieder davonschwimmen sehen möchte. Beide Bundesländer und ihre Ministerpräsidenten werden nicht müde, über alle Medien und Möglichkeiten hinweg mehr Geschwindigkeit, bei dem was versprochen wurde, einzufordern. Zuletzt reiste Sachsens Regionalminister Thomas Schmidt nach Brüssel, um seinerseits Druck auf die EU auszuüben.


Schmidt ließ öffentlich verlauten: „So wurde in vielen Gesprächen, die ich geführt habe, die Finanzausstattung des Chip-Gesetzes kritisiert. Dabei ist klargeworden, dass es mehr frisches Geld braucht, als die Kommission bisher vorsieht. Gleichzeitig dürfen die Programme, aus denen jetzt Fördermittel umgeleitet werden sollen, nicht geschwächt werden.“ Außerdem müsse die Förderung auch für Unternehmen zur Verfügung stehen, die für die Halbleiterproduktion unverzichtbar sind oder neuartige Vorprodukte beziehungsweise Produktionsanlagen herstellen, forderte der Minister. Es scheint, als bewahrheite sich das alte Sprichwort: Gut gemeint, ist noch lange nicht gut gemacht. Will Europa mehr als kurzfristige Aufmerksamkeit generieren, müssen den formulierten Plänen nun endlich Taten folgen. Die Mikroelektronik-Welt wartet nicht auf Europa, sie  dreht sich täglich und zunehmend schneller weiter.

 


 

 

Dieser Artikel ist erstmalig im Rahmen unseres Magazins NEXT "Im Fokus: Mikroelektronik" erschienen.

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