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TU Dresden: "Time Machine" läutet neues Zeitalter ein

  • TU Dresden: "Time Machine" läutet neues Zeitalter ein
    Für das Time Machine-Projekt entwickeln Forscher neuartige KI-Technologien, um große Informationsmengen aus komplexen historischen Datensätzen verwerten zu können.

Die Europäische Kommission hat vor wenigen Tagen das europaweite und bereits jetzt mit mehr als 200 Partnern vorangetriebene Projekt "Time Machine" als einen der sechs im kommenden Jahrzehnt strategisch zu entwickelnden Vorschläge ausgewählt. Diese sechs Vorhaben werden zur Vorbereitung von groß angelegten Forschungsinitiativen zunächst mit einer Million Euro für das Erstellen der detaillierten Pläne gefördert. "Time Machine" zielt auf die Gewinnung und Nutzung der Big Data der Vergangenheit ab und sieht vor, fortschrittliche neue Digitalisierungs- und Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) zu entwickeln und umzusetzen. Damit soll das riesige kulturelle Erbe Europas erschlossen und ein fairer und freier Zugang zu Informationen ermöglicht werden.

"Diese Informationen werden die künftigen wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen in Europa unterstützen", ist sich Dr. Sander Münster vom Medienzentrum der TU Dresden sicher. Gemeinsam mit Stephan Schwartzkopff leitet er das deutsche Koordinierungsbüro an der TU Dresden. So soll es virtuell möglich werden, genauso einfach durch die Historie Europas zu reisen, wie wir heute von A nach B fahren. Wie sah diese Straße vor 500 Jahren aus? Welche Namen und Gesichter spielten zu der Zeit hier eine Rolle? Die Vergangenheit wird so zu einer leicht zugängigen Quelle bei der Suche nach Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft.

"Die ‚Time Machine‘ wird fortschrittliche KI-Technologien entwickeln, um große Mengen an Informationen aus komplexen historischen Datensätzen zu erfassen", erklärt Dr. Münster. Damit wird die Transformation fragmentierter Daten – mit Inhalten von mittelalterlichen Manuskripten und historischen Objekten bis hin zu Smartphone- und Satellitenbildern in nutzbares Wissen für die Forschung und Industrie ermöglicht. Im Wesentlichen wird eine groß angelegte Rechen- und Digitalisierungsinfrastruktur die gesamte soziale, kulturelle und geografische Entwicklung Europas abbilden. In Anbetracht der beispiellosen Größenordnung und Komplexität der Daten hat die KI der Time Machine sogar das Potenzial, einen starken Wettbewerbsvorteil für Europa im globalen KI-Rennen zu schaffen.

"Time Machine wird wahrscheinlich eines der fortschrittlichsten Systeme der KI werden, das je entworfen wurde", erklärt Frederic Kaplan, Professor für Digitale Geisteswissenschaften an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) und Koordinator des Projekts "Time Machine".

Kulturerbe als wertvolles wirtschaftliches Gut
Das Kulturerbe ist eines unserer wertvollsten Güter, und das zehnjährige Forschungs- und Innovationsprogramm könnte zeigen, dass Investitionen auf diesem Gebiet nicht nur ein Kostenfaktor, sondern vielmehr ein wichtiger wirtschaftlicher Motor für ganz verschiedene Branchen sein können. Die digitale Aufarbeitung des europäischen Kulturerbes und das daraus generierte Wissen kann zu neuen Dienstleistungen und Produkten in Bereichen wie Bildung, Kreativwirtschaft, Politikgestaltung, Tourismus, intelligenten Städten und Umweltmodellierung führen. Zum Beispiel könnten Dienste, über die sich Regionen über Raum und Zeit vergleichen lassen, zu einem wichtigen Instrument für die Politik oder zur Stadtplanung werden. Im Tourismus könnten ganz neue Angebote durch die Verknüpfung zwischen digitaler und physischer Welt entstehen.

Mit dem Time Machine-Projekt könnte zugleich ein ganz neuer Abschnitt für die Sozial- und Geisteswissenschaften beginnen, da es über einen einheitlichen Datenzugang und künstliche Intelligenz einen offenen Zugang zu Europas Vergangenheit schafft. Wissenschaftler werden in der Lage sein, für ihre Projekte in einem nie gekannten Umfang und nie erreichter Tiefe zu recherchieren. Auf diese Weise können Sozial- und Geisteswissenschaften ganz neue strategische Antworten auf europaweite Herausforderungen wie nachhaltiges Wachstum, soziale Fürsorge, Migration und Integration von Migranten sowie die Wahrung der europäischen Demokratie geben. Bildung ist ein entscheidender Faktor für das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen in Europa und der Welt. Mit Hilfe des Time Machine-Projekts kann höchst innovatives digitales Bildungsmaterial entstehen – die daraus resultierenden Online-Kurse, Simulationen und Anwendungen fördern eine aktive Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen kulturellen Erbe und machen lebenslanges Lernen leichter zugänglich und inklusiver.

"Wir läuten damit ein neues Zeitalter für die Sozial- und Geisteswissenschaften ein, entdecken unser Kulturerbe als unser wertvollstes Wirtschaftsgut und bilden eine einzigartige Allianz und ein Netzwerk von Städten, Regionen und Institutionen", schaut Dr. Münster hoffnungsvoll in die Zukunft.

Mehr als 200 Organisationen aus 33 Ländern

Das Time Machine-Projekt ist eine einzigartige Allianz führender europäischer Hochschul- und Forschungseinrichtungen, kulturellen Einrichtungen sowie Unternehmen. Diese sind sich des großen Potenzials der Digitalisierung und der vielversprechenden neuen Wege für Wissenschaft, Technologie und Innovation bewusst, die sich aus dem Datenschatz der Vergangenheit ergeben. Neben den 33 Kerninstitutionen, die von der Europäischen Kommission finanziert werden, beteiligen sich mehr als 200 Organisationen aus 33 Ländern an dem Vorhaben, darunter sieben Nationalbibliotheken (Österreich, Belgien, Frankreich, Israel, Niederlande, Spanien, Schweiz), 19 Staatsarchive (Belgien, Bulgarien, Kroatien, Tschechische Republik, Dänemark, Estland, Finnland, Deutschland, Ungarn, Litauen, Malta, Norwegen, Polen, Rumänien, Slowenien, Spanien, Slowakei, Schweden und die Schweiz), berühmte Museen (Louvre, Rijkmuseum), 95 Hochschul- und Forschungseinrichtungen, 30 europäische Unternehmen und 18 andere staatliche Stellen.

Gleichzeitig handelt es sich bei dem Projekt um ein ständig wachsendes Städtenetzwerk. Es basiert auf einer Art Franchise-Modell, bei dem Wissenschaftler, Kultureinrichtungen, Behörden und große Gruppen von Freiwilligen zu Projekten mit Fokus auf Städte zusammengefasst werden. Die Einbeziehung von Freiwilligen – häufig sind es Bürger vor Ort – in diese lokalen Time Machine-Initiativen ist einer der Schlüssel, mit dem die Nachhaltigkeit des Vorhabens sichergestellt werden soll.

Solche lokale Zeitmaschinen entstehen derzeit unter anderem in Venedig, Amsterdam, Paris, Jerusalem, Budapest, Regensburg, Nürnberg, Dresden, Limburg, Antwerpen, Gent, Brügge, Neapel und Utrecht. Die Forscher gehen davon aus, dass die Community in den kommenden zwölf Monaten wächst und sich dabei einer standardisierten Plattform und gemeinsamen Werkzeugen bedient.

Die Dresden Time Machine versteht sich als virtueller Verbund und verfolgt das Ziel der Nutzung digitaler Technologien zur Digitalisierung, Sammlung, Erschließung, Mitgestaltung, Erforschung und Präsentation des Dresdner Kulturerbes und der Dresdner Geschichte. Bereits beteiligt sind DRESDEN-concept, die Fachhochschule Dresden, die Hochschule für Bildende Künste, die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, das Leibniz-Institut für Ökologische Raumentwicklung und das Stadtmuseum.

Das Time Machine-Projekt

Anfang 2016 sammelte die Europäische Kommission über einen Aufruf in der Forschergemeinde, Ideen zu wissenschaftlichen und technologischen Herausforderungen, mit denen sich künftige FET Flagships auseinandersetzen könnten. Ende 2016 folgte ein Runder Tisch mit hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Forschung. Sie legten drei vielversprechende Bereiche fest: "IKT und die vernetzte Gesellschaft", "Gesundheit und Lebenswissenschaften" sowie "Energie, Umwelt und Klimawandel". Im Oktober 2017 wurden Einrichtungen im Rahmen des Horizon 2020 FET-Arbeitsprogramms 2018 aufgefordert, Voranträge für künftige Forschungsinitiativen einzureichen. Aus den insgesamt 33 Vorschlägen wurden sechs nach einer zweistufigen Bewertung durch unabhängige Experten ausgewählt.

Am Time Machine-Projekt sind folgende 33 Institutionen beteiligt und werden für die Entwicklung der Roadmap mit insgesamt einer Million Euro gefördert: Ecole Polythechnique Federale de Lausanne, TU Wien, International Centre for Archival Research, Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften, Naver France, Universtität Utrecht, FAU Erlangen-Nürnberg, Ecole Nationale des Chartes, Universität Bologna, Institut National de l’Information Geographique et Forestiere, Universität Amsterdam, Universität Warschau, Universität Luxemburg, Bar-Ilan Universität, Universität Venedig, Universität Antwerpen, Qidenus Group, TU Delft, Centre National de le Recherche Scientifique, Stichting Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid, FIZ Karlsruhe, Fraunhofer Gesellschaft, Universität Gent, TU Dresden, TU Dortmund, Österreichische Nationalbibliothek, Iconem, Institute of Bioorganic Chemistry, Polish Academy of Sciences, Picturae, Centre des Visio per Computador, Europeana Foundation, Indra, Ubisoft

Das europaweite Projekt hat in der sächsischen Landeshauptstadt neben der TU Dresden 13 weitere Mitglieder: die Fachhochschule Dresden, die Hochschule für Technik und Wirtschaft, die Hochschule für Bildende Künste, die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, das Leibniz-Institut für Ökologische Raumentwicklung, die Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft, DRESDEN-concept, das Staatsarchiv, das Stadtmuseum, Silicon Saxony, die IPROconsult GmbH, die Softwareparadies GmbH sowie design Xpress.

Das Time Machine Projekt ist zudem verknüpft mit den lokalen Scientific Area Networks (SAN) III zum "Wandel durch Digitalisierung" und IV "Perspektiven auf Materialität in Kunst und Design" des DRESDEN-concept Verbunds, wo in enger Abstimmung unter anderem Fragen zur Digitalisierung und Restaurierung von Material und Objekten des Kulturerbes unter Nutzung modernster Technologien nachgegangen wird.

Weiterführende Links

www.tu-dresden.de

Foto: Notch Communications